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Der Feind auf meinem Teller

Ein Feind schadet, verletzt, zerstört. Doch schlimmer ist ein falscher Freund – meiner war der Zwang zu hungern. Von Corinna Huber

Zeichnungen: Corinna Huber
Fotos: Lisa Haensch und Bernd Möller
Erschienen in: Innfloh – Die Schülerzeitung des Ruperti-Gymnasiums Mühldorf

Bild: 'corinna.jpg'

„Ich hole schnell die Kleinen von der Schule. Bin gleich wieder da.“ Mama schließt die Haustür hinter sich. Jetzt bin ich allein, sitze am Esstisch. Nur ich, ich und dieser Teller Nudeln vor mir. Ich werde ihn essen! Ich habe heute noch keinen Bissen zu mir genommen, ich brauche doch Kraft! – Aber nein, ich darf nicht.Noch nicht. Ich bin noch nicht am Ziel, ich muss weitermachen! Mein Kopf dröhnt. Ich bin so hässlich! Welcher Junge wird sich denn je für eine fette Kuh wie mich interessieren? So werde ich immer in der zweiten Reihe stehen. – Aber habe ich nicht schon so viel abgenommen? Jetzt muss es genügen, mein Körper braucht doch Nahrung! Ich springe auf und nehme meinen vollen Teller in die Hand. Käsenudeln: Kohlenhydrate, Fett, Kalorien. Ich gehe auf den Mülleimer zu. Mama meint es doch nur gut. Ich kann sie nicht schon wieder anlügen. Ich habe den verzweifelten Blick meiner Mutter vor Augen. Nein! Sofort schiebe ich meine Gedanken beiseite. Es hilft nichts, Rücksicht kann ich nicht nehmen. Es muss sein. So schnell es geht, verschwindet mein Mittagessen im Müll. Der Teller wird demonstrativ in das Waschbecken gestellt und schon mache ich mich an meine Hausaufgaben.

Es ist ein Kampf, der sich jeden Tag erneut in mir abspielt, ein Kampf zwischen Vernunft und Zwang, zwischen essen und nicht essen. Ohne Rast, ohne Rücksicht. Alles was ich fühle, ist Hass, Hass gegen meinen Körper, Hass gegen mich. Jeder Tag ist gleich, jeder Morgen schwarz und jeder Abend auch. immer der Entschluss aufzuhören, wieder normal zu essen, mein Hungern zu beenden und schließlich doch wieder ein Rückfall. „Irgendwann ist jede Diät vorbei und dann habe ich es geschafft. Bin schlank, beliebt und erfolgreich!“, rede ich mir tagtäglich ein. Doch unterbewusst weiß ich ganz genau, dass dies keine „Mal-schnell-zwei-Kilo-weg-Diät“ ist. Es ist ein Zwang, eine Sucht Leere und Hunger zu spüren, ein Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Ein Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Engel und Teufel – ein Kampf gegen mich. Eine gnadenlose Krankheit: Magersucht.

Schon längst habe ich mich damit abgefunden, nicht mehr als eine Orange und ein paar Salatblätter essen zu können, nein: zu dürfen. Ich muss abnehmen, schlanker werden – dann erst darf ich mit mir zufrieden sein. Fein und säuberlich werden meine Hausaufgaben gemacht. Alles ganz korrekt und vorbildlich. Ich habe zu funktionieren, muss gute Noten schreiben, darf mir keinen Fehler erlauben; dann kann mich niemand kritisieren, dann kann ich mich nicht kritisieren. Ein endloser Teufelskreis saugt mich auf: Je erfolgreicher ich in der Schule bin, desto höher sind meine Erwartungen, die ich an mich stelle. Je dünner ich werde, desto mehr muss ich abnehmen. Dabei wäre es doch mein sehnlichster Wunsch, mir selbst zu genügen. Eigentlich möchte ich um Hilfe schreien. Doch das verbiete ich mir. Schwäche ist das Letzte, was ich zeigen darf. Nein, Hilfe habe ich nicht verdient.

Mir ist wahnsinnig kalt. Beim Blick auf die Heizung fällt mir ein, dass ich ja vorhin erst die höchste Stufe eingestellt habe, und doch laufen meine Finger und Lippen bläulich an. Ach, mein Körper hält bloß nichts aus. Er ist schwach. Und unnütz. Die Türe wird aufgerissen, Sarah und Timmy stürmen herein und fangen sofort an, von ihrem Schultag zu erzählen. „Mama, ich hab Hunger!“, quengelt meine Schwester und auch Timmys Magen fängt an zu knurren. Sie sind zwar da, sprechen mit mir, doch nehme ich sie gar nicht wirklich wahr. Ich nehme gar nichts mehr wahr. Höchstens die Zahl auf der Waage, meine Selbstkontrolle und das Essen. Das nicht gegessene Essen. Jeder Nachmittag verläuft nach dem selben Schema: Wie immer mache ich meine 500 Sit-up’s, räume das Haus auf um Mama zu entlasten, radle meine bereits gewohnte lange Strecke und vergesse natürlich nicht zu lernen. Viel zu lernen. Anschließend bekommen Timmy und Sarah noch ein super leckeres Abendessen – ich liebe es nämlich, zu kochen – für andere – bis ich schließlich total kaputt ins Bett falle. Alle schlafen nun, nur ich nicht, ich kann mir das nicht leisten. Zu sehr bin ich damit beschäftigt, den vergangenen Tag noch einmal bis ins Detail zu bilanzieren und für den nächsten alles konkret zu planen. Vor allem das Essen, denn da darf nichts Unvorhergesehenes passieren.

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